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November 11, 2025
• Bearbeitet (Nov 11, 2025)

Konzentration, Einsatzbereitschaft – und warum „Disziplin“ im Kindertraining oft schief klingt

Ich habe den neuesten Podcast von Joscha und Sako gehört und dabei über Konzentration und Einsatzbereitschaft im Kindertraining nachgedacht – im engeren Sinne: „Disziplin“.

Auslöser waren zwei Szenen: Erst der kleine häusliche Schlagabtausch, weil unser Junge vor dem Training bitte noch seine Karteikarten für die morgige Geschichtsarbeit durchgehen sollte. Dann ein Instagram-Reel mit exakt derselben Situation: Kind schwört hoch und heilig, „nach dem Training“ noch zu lernen. Wir wissen, wie diese Halbzeit meistens ausgeht.

Am Wochenende saß ich zudem im Grundlagenlehrgang zur C-Lizenz. Frage des Referenten: „Was erwartet ihr von eurer Trainingsgruppe beim Training?“ – viermal hintereinander: „Disziplin“ und „Einsatzbereitschaft“. Mein innerer Schweinehund wollte schon „**** ****" rufen; ich hab ihn angeleint und geschwiegen. Keine Grundsatzdiskussion an diesem Tag.

Genau darum schreibe ich das hier: kein Rant, sondern der Versuch, „Konzentration und Einsatzbereitschaft“ bei Kindern präziser zu denken – jenseits des großen Wortes „Disziplin“. Und ja: Ich schreibe gern und lese gern meine eigenen Texte. So viel Ego muss sein.

Ich habe mich gefragt, wann ich als Erwachsener konzentriert und einsatzbereit bin. Sicher nicht, weil jemand „Sei konzentriert“ sagt. Konzentration entsteht, wenn sie mir etwas bringt: ein konkreter Fortschritt, ein gelöstes Problem, ein messbarer Schritt. Dafür brauche ich ein passendes Setting: klares Ziel, begrenztes Zeitfenster, wenige Störungen, nächster Schritt definiert. Dann wechsle ich von „Ich sollte“ zu „Ich mache“.

Kinder ticken für Trainer blöderweise anders. Sie erkennen Ursache-Wirkung nur begrenzt – vor allem, wenn die Wirkung nicht sofort eintritt. Viele Kinder lernen deshalb auch nicht gern für die Schule oder finden Schule schlicht blöd. Kann man ihnen nicht verdenken: Der Payoff kommt irgendwann, nur selten heute.

Rationale Gespräche über Sinn und Zweck des Trainings oder Lernens rauschen daher oft durch. Ein Erwachsener macht Bizeps-Curls, weil er Hypertrophie versteht. Ein Kind denkt: „Hä? Wo sind meine Muskeln jetzt?“  und stuft die Übung als langweilig ab, weil es keine unmittelbare oder „Beinah-Belohnung“ gibt. „Erfolg irgendwann“ ist kein Köder und juckt nicht.

Das scheinbar „Unkonzentrierte“ im Training liegt also oft an der Übung plus dem noch nicht ausgereiften präfrontalen Kortex: Planen, Hemmen, Dranbleiben funktionieren nur begrenzt, wenn das Belohnungssystem nicht sofort anspringt. Ein Kind arbeitet konzentriert, wenn direkt eine Belohnung kommt oder klar in Aussicht steht – und nur so lange, bis sie sicher ausbleibt oder ihren Reiz verliert. Eltern kleiner Kinder kennen das: Eben ist ein Spielzeug in der Mache, dann liegt es am Boden, das nächste wird gegriffen, und im nächsten Moment sollen die Malsachen her. Fokuswechsel als Hochleistungssport.

Was heißt das nun? Wenn ich Konzentration und Einsatzbereitschaft will, muss das Verhalten eine unmittelbare Belohnung in Aussicht stellen. Das Kind gibt mir das nicht umsonst. Im Fußball nennen wir das seit der Kinderfußballreform „Erfolgserlebnis“ – leider vielerorts vergenusswurstelt zu „Es gibt nur noch Sieger“. Bullshit. Es geht darum, dass jeder wirksam ist, treffen kann und erlebt, dass man gewonnen hat – oder hätte gewinnen können. Wirkung ist Erfolg.

Fokus- und Einsatzprobleme lösen sich dort, wo diese Belohnungssysteme greifen: Ich kann treffen. Ich kann gewinnen. Reines Üben ohne Aussicht darauf ist für Kinder wie Schule – und die Karteikarten wollten sie vor dem Training schon nicht.

Kurzum: Fehlende Konzentration und Einsatz sind kein Mangel des Kaders, sondern des Trainings – zuerst die Verantwortung der Trainer. „Die machen nicht mit, blödeln rum?“ Check deine Übungsform: Welche Belohnung wirft sie aus? Vielleicht lohnt sich deine Form schlicht nicht genug, damit sich ein Kind konzentriert und reinhängt – und dabei aus Versehen noch etwas lernt.

Beispiel: Passgasse vs. Zielpass-Staffel (Emre). Beides trainiert streng genommen Ähnliches, aber mit völlig anderer Ausschüttung. Die Zielpass-Staffel liefert Treffer und Gewinnen – da spielen Kinder fokussiert und mit Zug. Die Passgasse ist zwar Fußball, hat für Kinder aber oft denselben unmittelbaren Benefit wie die Karteikarten für die Geschichtsarbeit. Da ballert man halt mal den Ball wegen völliger Reizlosigkeit dem Gegenüber auf Brusthöhe. „Jaja, zwei Kontakte, fester Fuß, mach ich doch?!“ – und genau da verliert man sie. Die Lösung ist nicht mehr Anschiss, sondern besseres Design der Übungsform. Was schüttet sie als Gegenleistung für Fokus und Einsatz aus...?

Bis dahin.

Robin